Schmerzen in der Geriatrie
Med.Dialog 07/2026 – Fallbeispiel: Frau M., 87 Jahre, wird nach einem Sturz über die Zentrale Notaufnahme auf die chirurgische Abteilung unseres Hauses aufgenommen. Im Vordergrund steht zunächst die Abklärung möglicher Frakturen sowie die Akutversorgung. Bildgebend zeigen sich keine frakturbedingten OP-Indikationen, jedoch ein fortgeschrittener arthrotischer Befund der Hüfte. Die Patientin wird zur Beobachtung stationär aufgenommen.
In der Akutsituation werden die Schmerzen mit Bedarfsmedikation behandelt, in der Dokumentation finden sich jedoch nur knappe Angaben zur Schmerzintensität und zu funktionellen Einschränkungen. Frau M. äußert auf Nachfrage, „es gehe schon", vermeidet aber zunehmend die Mobilisation, lehnt physiotherapeutische Maßnahmen ab und blockiert Transfers vom Bett in den Stuhl.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass weniger die unmittelbaren Folgen des Sturzes als vielmehr eine chronische Schmerzproblematik mit funktioneller Dekonditionierung und Sturzangst im Vordergrund stehen. Aufgrund der eingeschränkten Mobilität, des hohen Alters und der Multimorbidität erfolgt schließlich die Verlegung in die Klinik für Geriatrie (OPS 8-550).
Im Rahmen der geriatrischen frührehabilitativen Komplexbehandlung wird eine strukturierte Schmerzerfassung durchgeführt – mit standardisierten Skalen, Einbezug der Angehörigen und Bewertung der Auswirkungen auf Alltagsfunktionen. Erst durch diese geriatrische Perspektive wird das ganze Ausmaß der chronischen Schmerzen und ihrer Folgen auf Selbstständigkeit, Sturzrisiko und Lebensqualität deutlich.
Vor diesem Hintergrund stellen sich in der täglichen Praxis einige typische Fragen des Schmerzmanagements im höheren Lebensalter:
Die häufigsten Schmerzursachen im höheren Lebensalter sind Erkrankungen des Bewegungsapparates, neuropathische Schmerzen und Tumorschmerzen. Besonderheiten des geriatrischen Schmerzmanagements ergeben sich dabei insbesondere aus der erschwerten Diagnostik und der komplexen Behandlungssituation.
Die Abklärung von Schmerzen ist im Alter oft erschwert: Bildgebende Verfahren wie MRT liefern bei unruhigen Patienten verwackelte Aufnahmen und Computertomographien müssen bei eingeschränkter Nierenfunktion häufig ohne Kontrastmittel durchgeführt werden. Auch die Therapie ist herausfordernd – bedingt durch physiologische Altersveränderungen, Multimorbidität und die damit einhergehende Polypharmazie.
Bei ausgeprägten kognitiven Störungen können Betroffene Schmerzen häufig nicht oder nur unzureichend mitteilen. Das Ausmaß des Leidens ist dadurch jedoch nicht geringer. Zur Fremdeinschätzung stehen standardisierte Schmerz-Assessments wie beispielsweise die BESD-Skala zur Verfügung.
Die geriatrische Schmerzanamnese ist im Durchschnitt deutlich zeitaufwendiger als bei jüngeren Patienten. Kognitive Defizite, Hypakusis, Visusminderung, psychische Veränderungen sowie die Notwendigkeit einer Fremdanamnese tragen hierzu bei. Die größte Herausforderung bleibt, behandelbare Ursachen zu identifizieren. Erfragt werden sollten Lokalisation, Intensität, Charakter und zeitlicher Verlauf der Schmerzen sowie bisherige Behandlungsversuche. Hilfreich kann ein Schmerztagebuch sein. Ergänzend sollte der Schmerz auf einer numerischen oder visuellen Schmerzskala eingeordnet werden, und funktionelle Aspekte (Mobilität, Alltagskompetenz) müssen unbedingt berücksichtigt werden.
Die Schmerztherapie sollte das gesamte zur Verfügung stehende Spektrum nutzen: medikamentös mit Nichtopioid-Analgetika, schwachen und starken Opioiden sowie Koanalgetika, und ergänzend nichtmedikamentöse Verfahren.
Um diesen hohen Versorgungsstandard zu gewährleisten, nutzt unsere Klinik die geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung. Für besonders schwierige Fälle stehen zusätzlich hausinterne Schmerzkonsile durch die Klinik für Anästhesie zur Verfügung.